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Die Architekturfrage, vor der CX-Leader jetzt stehen

10 Jul 2026

Am 10. März hat Salesforce auf der Enterprise Connect Agentforce Contact Center vorgestellt. Die Ankündigung verdient eine genauere Betrachtung, als sie die meisten Produkt-Launches erhalten. Mit bemerkenswerter Dringlichkeit stellt sie die tatsächliche Rolle des Contact Centers sowie die Frage, wer es kontrollieren sollte, infrage.

Zuvor: Über fast zwei Jahrzehnte wurde die Beziehung zwischen CRM und Contact Center-Technologie über Integration gesteuert: Telephonie auf der einen Seite, Kundendaten auf der anderen, und bei Inhouse-Implementierungen, oftmals mit erheblichem Engineering-Aufwand, um beide miteinander zu verbinden.

Jetzt: Die Einführung von Agentforce Contact Center deutet darauf hin, dass das alte Modell an seine Grenzen gelangt ist. Wie Analysten zur Ankündigung festhalten, vertritt Salesforce klar die Position, dass das Contact Center ins CRM gehört und nicht daneben. Für Praktiker, die seit Jahren Telephonie-Infrastruktur mit CRM-Systemen verbinden, ist die zugrunde liegende Logik nicht neu. Neu ist jedoch der Druck auf CX-Leader, eine fundierte Antwort zu entwickeln.

Was die Salesforce-Ankündigung deutlich macht

Die Plattform ist nun allgemein verfügbar für Agentforce Service-Kunden in den USA und Kanada, mit globaler Verfügbarkeit gemäss Salesforce-Roadmap später im Jahr 2026. Der zentrale Ansatz besteht darin, Voice, KI und CRM als ein einziges System zu betrachten statt als verbundene Komponenten. Dadurch können Organisationen agentische KI im grossen Massstab nutzen, was in fragmentierten Architekturen schwer möglich ist.

Echte strategische Spannung statt einer einfachen Entscheidung

Eine einheitliche Grundlage eliminiert den Synchronisationsaufwand zwischen getrennten Systemen. Das ist insbesondere für die Performance von Echtzeit-KI entscheidend. Der Aufwand, nicht verbundene Systeme zu synchronisieren, stellt einen realen operativen Kostenfaktor dar. Für Organisationen, bei denen sich diese Kosten über Lizenzen, Middleware und Engineering-Zeit aufgebaut haben, ist das Total-Cost-of-Ownership-Argument für eine einheitliche Plattform relevant.

Doch Enterprise-Contact-Center-Umgebungen entsprechen selten einem «grünen Feld». Die meisten Organisationen haben über Jahre hinweg erhebliche operative Logik in ihre Telephonie-Infrastruktur integriert:

  • Routing-Regeln, abgestimmt auf spezifische Customer Journeys
  • IVR-Strukturen mit integrierten Compliance-Anforderungen
  • Workforce-Management-Integrationen
  • Quality-Assurance-Tools
  • Agent-Workflows, die tief in den täglichen Betrieb des Contact Centers eingreifen

Das Ersetzen oder grundlegende Umstrukturieren dieser Komponenten verursacht Kosten, die in Lizenzvergleichen oft nicht sichtbar sind.

Auch die technische Komplexität von nativer Voice ist erheblich. Telephonie basiert auf grundsätzlich anderen Prinzipien als die asynchronen, textbasierten Kommunikationsschichten moderner SaaS-Plattformen. Enterprise-taugliche Voice nativ bereitzustellen bedeutet, Herausforderungen zu lösen, an denen spezialisierte Telephonie-Plattformen über Jahrzehnte gearbeitet haben.

Salesforce geht nicht davon aus, dass dieser Übergang über Nacht erfolgt. Das Unternehmen hat deutlich gemacht, dass es weiterhin in bestehende Contact Center-Partner investieren wird, und die GA-Ankündigung erlaubt weiterhin die Nutzung eigener Telephonie-Anbieter neben der nativen Lösung. Der Markt wird aufgefordert, eine Richtung zu evaluieren – nicht, sofort eine Entscheidung in einem einzigen Planungszyklus zu treffen.

Fragen, die Sie vor einem Schritt stellen sollten

Anstatt dies als eine binäre Plattformentscheidung zu betrachten, ist eine diagnostische Herangehensweise die sinnvollere unmittelbare Übung. Die folgenden Fragen unterscheiden in der Regel Organisationen mit einem klaren Weg nach vorne von solchen, die reaktiv handeln.

Wie sehen Ihre CRM-Daten tatsächlich aus?

Das Argument für eine einheitliche Plattform basiert häufig auf dem Wert einer „Single Source of Truth“. Dieser entfaltet sich jedoch nur, wenn Ihre Kundendaten sauber, strukturiert und ausreichend vollständig sind. Organisationen mit fragmentierten Daten über Legacy-Systeme hinweg werden möglicherweise feststellen, dass der Wechsel zu einer einheitlichen CRM <-> Contact Center-Architektur das zugrunde liegende Datenproblem nicht löst. Das Verständnis Ihrer Datenlage ist eine Voraussetzung für jede fundierte Bewertung.

Was macht Ihre Voice-Umgebung tatsächlich?

Voice ist der Bereich, in dem sich die Komplexität im Enterprise-Umfeld konzentriert. Er umfasst unter anderem individuelle Routing-Logiken, Compliance-Aufzeichnungen, IVR-Strukturen sowie Integrationen für die Einsatzplanung. Die tatsächlichen Kosten für die Migration oder den Ersatz dieser Komponenten werden in Feature-Vergleichen selten sichtbar. Eine saubere Analyse Ihrer Voice-Infrastruktur und der operativen Auswirkungen möglicher Änderungen ist notwendig, bevor überhaupt eine Plattformdiskussion geführt werden sollte.

Wie sieht Ihre AI Readiness in der Praxis aus?

Der Nutzen von agentischer KI hängt teilweise von der Fähigkeit zur autonomen Problemlösung im grossen Massstab ab sowie von der Unterstützung menschlicher Agenten in Echtzeit. Gemeint ist KI, die Interaktionen vollständig von Anfang bis Ende bearbeiten kann. Erste Implementierungen von Agentforce Contact Center berichten von Voice-Containment-Raten im Bereich von 40 bis 60 %, mit deutlichen Unterschieden je nach Branche, Komplexität der Anfragen und regulatorischem Umfeld. Entscheidend ist zu verstehen, wo Ihr aktueller Interaktionsmix auf dieser Skala liegt und welche Interaktionstypen heute tatsächlich automatisierbar sind, bevor Architekturentscheidungen getroffen werden.

Was sind die tatsächlichen Kosten Ihres aktuellen Integrationsmodells?

Für Contact Center mit rund 150 Agenten können die jährlichen Kosten für die Synchronisation von CCaaS- und CRM-Plattformen regelmässig über 200’000 USD liegen. Diese Kennzahl ist zentral für das Total-Cost-of-Ownership-Argument einer einheitlichen Plattform. Gleichzeitig dient sie als Vergleichswert, um Migrationskosten, operative Auswirkungen und mögliche Funktionslücken realistisch zu bewerten.

Ist die Plattform bereits bereit für Ihre operativen Anforderungen?

Im Enterprise Contact Center werden bestimmte Fähigkeiten als nicht verhandelbar betrachtet: fortgeschrittenes Workforce Management, Outbound Dialing, Quality Management sowie die notwendige Compliance-Infrastruktur. Salesforce hat eine schrittweise Roadmap zur Bereitstellung dieser Funktionen bis 2026 kommuniziert. Für Organisationen ist entscheidend zu verstehen, welche Anforderungen bereits erfüllt sind und welche noch auf der Roadmap stehen.

Bedeutung für Cisco-Umgebungen

Für Organisationen, die eine Cisco Contact Center-Infrastruktur betreiben, etwa Webex Contact Center, UCCE oder PCCE – ist diese Ankündigung in einem spezifischen Kontext zu betrachten.

Cisco bleibt eine der weltweit am weitesten verbreiteten Contact Center-Plattformen im Enterprise-Umfeld, und seine AI-Roadmap entwickelt sich kontinuierlich weiter. Die Einführung von Agentforce Contact Center macht diese Investitionen nicht hinfällig. Was sich jedoch verändert, ist die Art der strategischen Diskussion – insbesondere bei Vertragsverlängerungen und Budgetentscheidungen, bei denen die Architekturfrage nun explizit im Raum steht.

Der zielführendere Ansatz für Organisationen mit Cisco lautet nicht „Sollen wir wechseln?“, sondern:
„Wie muss unser Integrationsmodell aussehen, um bei der AI-Performance wettbewerbsfähig zu bleiben?“

Das ist im aktuellen Umfeld lösbar. Der Übergang von Cisco-Infrastruktur zu Salesforce-nativen AI-Fähigkeiten kann schrittweise erfolgen, sodass bestehende Stärken erhalten bleiben und gleichzeitig neue Fähigkeiten aufgebaut werden.

Was als Nächstes kommt

Die von Salesforce aufgeworfene Architekturfrage wird nicht verschwinden. Organisationen, die damit am erfolgreichsten umgehen, sind diejenigen, die jetzt die notwendige Analyse durchführen, solange noch Raum für klares Denken besteht und bevor Renewal-Zyklen oder Wettbewerb Druck erzeugen.

Die ehrliche Antwort auf die Frage „Welche Architektur ist die richtige für uns?“ lautet: Es hängt von Faktoren ab, die spezifisch für Ihre Organisation sind, insbesondere von Daten, operativer Komplexität und AI Readiness. Wer ohne diese Analyse eine klare Empfehlung abgibt, hat die notwendige Arbeit nicht geleistet.

Bei Bucher + Suter unterstützen wir seit Jahren Organisationen bei genau solchen Wendepunkten. Wenn Sie herausfinden möchten, was Agentforce Contact Center konkret für Ihre Cisco-Umgebung bedeutet, lohnt sich ein Austausch.